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Menschen bei Bösch Boden Spies

Auf der Suche nach guten Winden

„Bösch Boden Spies ist ein Hidden-Champion,“ sagt Dr. Philipp Stradtmann. Seit dem 4. Juni verstärkt der 45-Jährige die Geschäftsführung bei Bösch Boden Spies im Vertrieb Trockenfrucht & Nuss sowie beim Retail. Aber wer ist der Neue in der Führungsriege? Ein Interview über BBS, die Liebe zum Segeln und ein Sabbatical.

„Bösch Boden Spies hat sich in einer Nische sehr klug und nachhaltig positioniert. Und das in einer unternehmerischen Qualität, wie es nur ein Familienunternehmen kann.“ Dr. Philipp Stradtmann weiß, wovon er spricht. In Bocholt im Münsterland geboren, in Düsseldorf aufgewachsen, in St. Gallen studiert und promoviert, war er u. a. als CEO der KOB Group, Weltmarktführer für elastische Textilien, und in Führungspositionen der Oetker-Gruppe tätig.

Durch den 45-Jährigen wird das bisherige Geschäftsführungstrio zu einem -quartett. Für sein Engagement bei Bösch Boden Spies plant er langfristig: „Hamburg ist als Heimathafen gedacht.“ Der Vater eines 16-jährigen Sohnes segelt leidenschaftlich gern, joggt regelmäßig um die Alster und ist Ende April den Hamburg-Marathon gelaufen. „Hamburg hat die schönste Strecke, die ich bisher gelaufen bin und das großartigste Publikum.“

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Herr Dr. Stradtmann, wie hat Sie Ihr neues Team aufgenommen?

Sehr herzlich und sehr offen, aber ohne Sonderbehandlung. Das ist Stil des Hauses.

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Sehen Sie es eher als Vor- oder Nachteil in ein so erfolgreiches Unternehmen einzusteigen?

Als angemessene Herausforderung. Ich kenne Situationen, in denen Unternehmen aus der Spur gekommen waren und ein Turnaround nötig war. Aber es ist natürlich genauso herausfordernd, den Erfolg eines Unternehmens zu sichern, das über viele Jahre so dynamisch gewachsen ist wie Bösch Boden Spies. Das ist einerseits ganz praktisch, weil sie mit dem warmen Rückenwind des Erfolgs Veränderungen anstoßen und mit viel Vorlauf vorbereiten können. Natürlich haben sie aber auch die potentielle mentale Barriere zu überwinden: „Warum muss sich denn überhaupt etwas ändern, es läuft doch super.“

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Bösch Boden Spies entwickelt sich rasant. Sind Sie schon auf die Gründe dafür gestoßen?

Das Erfolgskonzept besteht meiner Meinung nach aus drei Komponenten: Zum einen gibt es ein ganz klares Geschäftsmodell, das die Gesellschafter konsequent pflegen und weiterentwickeln. Das gibt unseren Geschäftspartnern das wichtige Gefühl von Verlässlichkeit und trägt zu einem hohen Grad an Vertrauen bei. Zweitens hat unser Familienunternehmen exzellente Lieferanten, echte Partner, deren Interessen wir auf Augenhöhe langfristig und nachhaltig vertreten. Und drittens erlebe ich jeden Tag ein sehr engagiertes und unternehmerisch motiviertes Team, und das ist letzten Endes das Schlüsselmoment für diese beeindruckende Erfolgsgeschichte.

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Sie waren ab Mitte der 2000er schon mal für zehn Jahre in der Food-Branche: Was hat sich verändert?

Eine Menge – vor allem weil Informationen zur Herstellung und Verarbeitung von Lebensmitteln durch das Internet heute jedem in Sekundenschnelle zugänglich sind. Als Konsequenz daraus fordern Kunden beispielsweise einen ganz anderen Grad von Transparenz als noch vor 10, 20 Jahren. In Verbindung damit gibt es auch ein ganz anderes Qualitätsbewusstsein. Das sind alles Indizien dafür, dass wir in Summe bewusster essen und uns viel mehr Gedanken darüber machen, woher Lebensmittel kommen und wie sie verarbeitet werden.

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Welche Folgen hat das für Bösch Boden Spies?

Wir müssen dem Rechnung tragen, weil wir zwei Seiten dienen: Erstens dem Handel und der verarbeitenden Lebensmittelindustrie, die immer mehr und schneller Informationen von uns benötigen. Zweitens müssen wir damit gleichzeitig unseren Lieferanten vermitteln, wie sie sich dazu sinnvoll positionieren können – auch auf den riesigen Themenkomplex Nachhaltigkeit: Arbeiten sie sozial? Wirtschaften sie ökologisch? Diese Fragen stellen sich heute in einer ganz anderen Intensität als früher.

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Vor Bösch Boden Spies haben Sie sich ein viermonatiges Sabbatical genommen, warum?

Die letzten Arbeitsjahre waren sehr intensiv und ich war während der Woche von meiner Familie getrennt. Deshalb wollte ich die Zwischenzeit für meine Familie und mich nutzen. Zudem bin ich den Hamburg-Marathon gelaufen, war für ein Zen-Seminar im Kloster, habe einen Scrum-Master gemacht, habe mir mit meiner Familie in Israel angeschaut, wie dort Start-up-Förderung funktioniert, ich habe etwas über Design Thinking gelernt… Die Auszeit war für mich und meine Familie sehr wertvoll. Sowas werde ich bestimmt noch mal machen.

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Können Sie auch mal einfach auf der faulen Haut liegen?

Meine Frau würde jetzt laut lachen. Ich habe eine positive Grundunruhe. Immer dann, wenn es mal wieder neue Winde gibt, die uns irgendwo anders hintragen, erinnere ich sie an mein Eheversprechen: das es nie langweilig wird. Sie gibt zu, dass ich mich seit 16 Jahren streng daran halte.

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Sie segeln gerne. Was fasziniert Sie daran?

Vor allem – und das hat sehr viel mit Management zu tun – die Suche nach guten Winden. Wenn Sie für sich beschließen, dass Sie gerne auf einem bestimmten Weg von A nach B kommen möchten, aber der Wind das nicht zulässt, funktioniert es wohl nicht. Sie müssen flexibel sein und auch sagen können: Das Ziel ist weiterhin das richtige, nur der Weg dorthin ist ein anderer. Genau darum geht es auch in der Unternehmensführung: das Ziel beizubehalten, aber wenn nötig, gemeinsam einen anderen Kurs zu nehmen.

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Wenn Bösch Boden Spies ein Schiff wäre, was für eines wäre es?

Ein stolzer, windschnittiger Dreimaster, der mit vollgeblähten Segeln gen Süden saust.